Philipper 2,12b: Nicht damit, sondern weil – ein neuer 3-teiliger Zugang

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Philipper 2,12b wird fast immer ausschließlich übersetzt im Sinne von „damit“:

  • „schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern“ Luther 2017
  • „bewirkt euer Heil mit Furcht und Zittern“ Elberfelder
  • „Arbeitet mit Furcht und Zittern an eurer Rettung“ Hoffnung für alle
  • „verwirklicht eure Rettung mit Furcht und Zittern“ Schlachter
  • „Wirkt nun weiterhin mit Furcht und Zittern auf eure eigene Rettung hin“ Zürcher
  • „Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil!“ Einheitsübersetzung
  • „Seid darauf bedacht…eure Rettung mit Furcht und Zittern zu schaffen“ Menge
  • „arbeitet … mit Furcht und Zittern an eurer Errettung“ Kautzsch und Weizsäcker
  • „mit Furcht und Zittern erarbeitet eure eigene Rettung“ Münchener Neues Testament
  • „bringet…mit Furcht und Zittern eure Seligkeit zuwege“ J. A. Bengel
  • „schafft, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern“ Thompson Studienbibel
  • „bringt…mit Furcht und Zittern eure eigene Rettung zuwege“ Jantzen

a) Zum richtigen Verstehen ist immer der Zusammenhang wichtig. Dieser Versteil folgt auf den „Christushymnus“ der Verse 6-11.

b) Vers 12 startet mit einem „Daher, deshalb, so … und bezieht sich auf die vorangegangenen Verse. Danach kommen mehrere Paare, die im Gegensatz zueinander sind und einander entsprechen:

b1) Ihr wart gehorsam – jetzt arbeitet, wirkt, schafft ihr. Das Verb, das hier steht, hat eine Vorsilbe mit der verstärkenden Bedeutung von „völlig, ganz, richtig“ und der Verbstamm steht für „arbeiten, tun, ausführen vollbringen, hervorbringen, erzeugen, schaffen, an etwas arbeiten; standhalten, den Kampf bestehen (Epheser 6,13)“.

Das umfangreichste Wörterbuch der altgriechischen Sprache von Liddel/Scott/Jones schreibt zu den Bedeutungen dieses Verbs: „durch Arbeit wirken, leisten, „den Job machen“, verdienen, durch Arbeit gewinnen, erwerben, erfolgreich sein, ARBEITEN, zu Ende bringen; angreifen, überwältigen, unterwerfen, erobern, beenden, herrschen vor…; (Land) kultivieren, verstoffwechseln durch kauen und verdauen.“

b2) Das zweite Entsprechungs-Paar: Allezeit gehorsam in meiner Gegenwart – jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit mit Furcht und Zittern.

Es ist so, als würden die Leser gelobt und gleichzeitig wird noch gesteigert mit „jetzt noch viel mehr“, – um quasi zu beweisen, daß sie es nicht nur PAULUS zuliebe taten und nun tun, SONDERN:

b3) Das dritte Entsprechungs-Paar: Allezeit gehorsam in meiner Gegenwart – jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit mit Furcht und Zittern.

c) Und nun kommt der erste Teil des neuen Zugangs: Bei allen zitierten (und allen dem Schreiber bekannten Übersetzungen) wird immer als „Akkusativ-Objekt“ übersetzt: „eure Rettung, Errettung, Seligkeit, euer Heil“. Das ist zweifelsohne grammatikalisch fehlerfrei übersetzt.

Aber die griechische Sprache kennt auch den sogenannten „griechischen Akkusativ“ (accusativus graecus), der übersetzt wird:

  • entsprechend wem oder was?
  • wie es wem oder was entspricht?
  • in welcher Hinsicht?
  • in welcher Beziehung?
  • im Bezug auf wen oder was ?
  • im Hinblick auf wen oder was?

d) zweiter Teil des neuen Zugangs: Die Vorsilbe (Präfix) des hier benutzten Verbs ist κατά und sie reklamiert für sich den accusativ graecus, – denn sie ist nur mit Akkusativ übersetzbar. (DAS ist der erste Grund, dieses Verb bevorzugt „mit dem graecus“ zu übersetzen. Der zweite Grund: Die „übliche Übersetzung“ widerspricht aller paulinischen Theologie sowie dem uns ja bekannten „sola gratia, solus Christus, sola fide“ diametral entgegengesetzt.)

Exkurs zum accusativus graecus: Unser Text ohne Kontext: τὴν ἑαυτῶν σωτηρίαν κατεργάζεσθε. Das κατεργάζεσθε benutzt als Präfix κατά, um das Verb zu verstärken, ihm eine Richtung zu geben. Der (klassische) Grieche bezieht es auch weiter auf τὴν ἑαυτῶν σωτηρίαν (euer eigenes Heil, Rettung). Das Präfix „erinnert“ an eine präpositionale Wendung: κατά τὴν ἑαυτῶν σωτηρίαν κατεργάζεσθε. Unser Text beläßt es aber bei einem κατά als Präfix, – weil es dort einen doppelten Zweck erfüllt:

a) Hinweis auf graecus und

b) Verb-Ausrichtung.

Hätte im Original-Text an beiden Positionen κατά gestanden, hätte das erste als präpositionale Wendung übersetzt werden müssen und das zweite kontrahiert mit εργάζεσθε, um einen Doppelvokal (Diphtong) zu vermeiden.

Diese beschriebenen Zusammenhänge empfehlen das Verstehen dieses Textes aus dem graecus heraus:

Daher, meine Geliebten, so wie ihr allezeit gehorsam wart, arbeitet/wirkt/schafft ihr jetzt noch viel mehr im meiner Abwesenheit – Eurer eigene Rettung entsprechend / wie es Eurem eigenen Heil entspricht / im Hinblick auf eure eigene Errettung / angesichts eures eigenen Heils– mit Furcht und Zittern, denn Gott ist es, der in euch schafft…..

  • „mit Furcht“ – Ehrfurcht ist vor Gott IMMER richtig und angebracht.
  • „und Zittern“ – die Frau aus Markus 5,33 und Lukas 8, 47 ist ein gutes Beispiel.

e) dritter Teil des neuen Zugangs: Im Griechischen kann „ihr“ (2. Person Plural) in der Gegenwartsform (Präsens) s o w o h l als Tatsachenform (Indikativ) a l s a u c h als Befehlsform (Imperativ) übersetzt werden – beides ist grammatikalisch korrekt.

e1) Wir kennen das im Deutschen ähnlich:

  • „Ihr baut das Haus.“ (Tatsachenbeschreibung, Indikativ)
  • „Ihr baut das Haus!“ (Befehlsform des Bauleiters, Imperativ)

Das eine beschreibt das „ist so“, das andere beschreibt das „soll so“.

e2) Mit scheint, als ob von Übersetzern „aus pädagogisch-didaktischen Überlegungen heraus“ eher die Imperativ-form gewählt wird, „damit der Mensch sich nicht überhebe oder gar übermütig werde“; aber wenn man BEIDE Formen im Kopf (und noch wichtiger – im Herz) hat, kommt noch ein weiterer wunderbarer Aspekt hinzu: Die Angesprochenen WAREN ja in der Vergangenheit (als Paulus noch bei ihnen war) gehorsam, und er bestätigt ja, daß sie jetzt in der Gegenwart gehorsam sind und durch die Befehlsform-Übersetzung kommt der Ausblick in die Zukunft: So soll es weiterhin bleiben!

f) Was spricht nun dafür, diesen drei neuen Zugängen entsprechend zu übersetzen und zu verstehen?

Apostelgeschichte 4, 12: Und es ist in keinem anderen das Heil / die Rettung (σωτηρία), denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir errettet (σωθηναι) werden müssen.

Hier in Apostelgeschichte 4,12 taucht dasselbe Substantiv auf, um das es auch Philipper 2, 12 geht – Rettung, Errettung, Heil (σωτηρια), im selben Vers auch noch als Verbform.
Wenn also das Neue Testament bestätigt, daß IN KEINEM ANDEREN das Heil / die Errettung / die Rettung ist als NUR in JESUS CHRISTUS – kann dann richtig sein, daß wir aufgefordert werden, „unser eigenes Heil zu erwirken, zu erarbeiten, zu schaffen“? (Mir fiel spontan der Lügenbaron Münchhausen ein, der sich „am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog“, – aber sein Titel verrät ja schon, von wem er abstammt…)

g) Grammatikalische Rückschlüsse: Da beide AUSSAGE-formen (modus, modi) möglich sind, ist es gut, über beide Aussageformen nachzudenken, um beide Aspekte zu sehen und nicht einen außer acht zu lassen.

Dasselbe gilt auch für die ZEIT-form (tempus) des Verbs. Die hier benutzte Gegenwartsform (Präsens) bringt zum Ausdruck, daß die Handlung nicht abgeschlossen ist, sondern andauert und sich entwickelt (durativer Aspekt). Und das wird in drei unterschiedlichen Richtungen ausgedrückt:

1. geradlinig (linear): der Verlauf, das Andauern wird betont. Als Beispiel dient uns Nehemia, der trotz aller Widerstände vonseiten Sanballats, Tobijas, der Araber, Ammoniter und Aschdotiter immer weiter arbeitete, unbeirrt am Ziel festhielt und sich wirklich durch NICHTS abhalten ließ. Gandhi soll gesagt haben: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Manchmal ist es gut, „een ostfreeske Stuurkopp“ zu sein.

2. wiederholend (iterativ): betont die Wiederholung. Mit Blick auf unsere Errettung, – die unseren Retter ALLES gekostet hat – sollen wir weitermachen, wieder wieder neu, auch wenn es manchmal schwerfällt oder „langweilig“ zu werden droht. Treue im Kleinen wird belohnt – an die vielfältigen Dienste und Tätigkeiten und Hilfeleistungen in unserer Gemeinde sei erinnert. Und an 1. Korinther 15, 58!

3. versuchend (conativ): Von Wilhelm Busch stammt der Spruch: „Versucht man es nur, so geht’s…. mitunter – doch nicht stets!“ Als Beispiel fielen mir (aus eigener Betroffenheit sicherlich auch) unsere Musiker ein – wie oft müssen Stück eingeübt werden, immer wieder versuchsweise geprobt und einstudiert werden, bis „es sitzt“. Musiktheoretiker schreiben, daß ein Stück 7 x nacheinander fehlerfrei gespielt worden sein muß, bevor man sicher davon ausgehen kann, bei Lampenfieber während der eigentlichen Aufführung nicht wieder an den „alten Stellen“ Fehler zu machen.

Zusammenfassung

Die Titelzeile heißt ja ganz bewußt: „Nicht damit, sondern weil“.

Als Beispiel diene Kolosser 3, 12 (1985 revidierte Elberfelder): Zieht nun an als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Langmut. Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr.

Die „geistliche Logik“ hinter diesen Aussagen ist: WEIL Ihr von Gott auserwählt seid, WEIL Ihr heilig seid für Gott und WEIL Ihr von GOTT Geliebte seid, – DESHALB (ist es doch nur logisch, natürlich und eine zu erwartende Reaktion und Lebensweise, daß ihr) zieht an….. Und im weiteren Textverlauf: WEIL auch der CHRISTUS Euch vergeben hat, – in derselben Weise, wie Ihr es in der Vergangenheit an Euch selbst erfahren und erlebt habt, – „SO“ auch ihr im Gegenzug…. Es ist eben gerade NICHT die Aussage: „UM die Auserwählung Gottes, Seine Heiligkeit zu erlangen, UM von Ihm geliebt zu werden, muß ich als Vorbedingung erst mal das und das und das alles tun“. Wir erinnern uns: DAS war doch die Urfrage Martin Luthers: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, bis er schließlich das Turmerlebnis hatte, wo ihm Habakuk 2,4 in Römer 1, 17 aufleuchtete und er es richtig verstand und diese Wahrheit sein Herz erreichte.

Und zum Schluß der kleinen Betrachtung der wunderbare Ausblick: „denn GOTT ist es, der beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen….“ (Thompson Studienbibel).